Atiyoga

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Ati Yoga(Tib., shin tu rnal 'byor) oder Dzogchen (tib.: rdzogs pa chen po; kurz: rdzogs chen, Die Große Vollkommenheit), auch Mahāsaṅdhi genannt, wird von der tibetischen Nyingma-Schule ab Garab Dorje und im Bön seit Shenrab Miwoche, wo es als als höchster der neun Wege oder Fahrzeuge gilt, als Essenz der Lehren Buddhas übertragen und nebenläufig auch in den Sakya-, Kagyu- und Gelug-Schulen. Es gehört als dritter der drei inneren Tantras zu den nichtdualen Tantras.

Definition

Der Atiyoga ist der natürliche primordiale Zustand, der spirituelle Rohzustand oder die ‘Große Vollkommenheit'. Er gehört zu den Hauptlehren der Nyingma - Linie. Nach deren Lehre wurde es zuerst vom Urbuddha Samantabhadra an den Buddha Sambhogakaya Vajrasattva übertragen, der es an Garab Dorje weitergab.

Der Atiyoga beinhaltet die Kultivierung des Erkennens der Späre der Leere aller Dinge. Die Natur wird als Spiegel angesehen, der mit vollständiger Offenheit reflektiert aber von den Reflektionen nicht berührt wird. Eine Kristallkugel nimmt die Farbe des Materials in der Umgebung an, wird aber nicht verändert.
Die Praxis befasst sich als zweite Phase der Vollendungsstufe direkt mit der Natur des Geistes und seiner Klar-Lichtheit.

Das Wissen, welches von der spiegelgleichen Klarheit kommt, wird mit ‘Rigpa’ (tib.: Rig pa; skt.: Vidya) oder Wissen, welches sich aus der Anerkennung der eigenen wahren Natur ergibt, bezeichnet.

Dzogchen

Dzogchen(Dzogpa Chenpo) oder Maha-Ati

Die 18 Schriften der 'Geist Serie'(sems phyogs, 9.-10. Jh.) die später als sems de bekannt wurden, reflektieren das frühe Dzogchen, das alle Formen der Praxis ablehnte, da diese Verblenung erzeugten. Es sei nur nötig, die Natur des eigenen Geistes zu erkennen, der von Natur aus leer (stong pa), leuchtend ('od gsal ba) und rein ist. Diese Texte sind allerdings untrennbar mit dem tantrischen Mahayoga verbunden, d.h. mit Visualisierungen von Gottheiten und Mandalas und komplexen Initiationen.

Dzogchen wird oft als die einzige große Sphäre (thig le nyag gcig) bezeichnet. Die Basis (gzhi) repräsentiert den Urzustand des Individuums bzw. die verborgene Ur-Buddhaschaft. Der Grund für deren Unsichtbarkeit ist unser Bewusstseinsstrom, durch den wir die Dinge als inhärent existent und dual in der Natur sehen, wodurch die Ur-Buddhaschaft für den getäuschten Geist unsichtbar wird.
Der Pfad (lam), auf dem der Dzogchen-Praktizierende eintritt, beginnt mit der direkten Einführung in den natürlichen Zustand, auch bekannt als Einblick in die Sicht (lta ba) der Natur des Geistes.
Danach kultiviert man die Aktualisierung des Bewusstseins (rig pa) und reinigt sich gleichzeitig von kognitiven und emotionalen Verunreinigungen. Diese Verunreinigungen haben sich durch vergangene und gegenwärtige karmische Aktivitäten angesammelt, die auch mögliche zukünftige Leben beeinflussen.
Während des Pfades werden die Praktiken von Khregs Chod ("Durchschneiden") und "Thod Rgal" ("Überspringen", Meditation[1]) verwendet, um einen im natürlichen Zustand zu stabilisieren. Dazu muss man die Realität der Leere als nicht-duale (gnyis med) Weisheit verstehen, die sogar über Samsāra und Nirvāna hinausgeht.
Die Frucht ('bras bu) repräsentiert die endgültige Rückkehr in den Zustand der Realität oder Dzogchen und die Erreichung des sogenannten Regenbogenkörpers (' ja 'lus), bei dem der Körper eines Menschen anfängt zu schrumpfen und/oder sich in Licht aufzulösen[2]

Verbreitung

Die Dzogchen - Lehren[3] wurden vom Sambhogakaya Vairocana, Vimalamitra und Padmasambhava in Tibet verbreitet.

Longchenpa schrieb die Dzogchenlehren von Vimalamitra im 14. Jahrhundert in seiner Textsammlung 'Snying thig ya bzhi' nieder.

Als Wurzeltantra wird der zu den Siebzehn Tantras gehörige Hall des Tones - Tantra(tib. Dra Talgyur; Wyl. sgra thal 'gyur)[4] angesehen, der zum nirmanakaya führen soll.

Nach Tenzin Wangchal Rinpoche liegt dem Dzogchen die Sicht zugrunde, daß alle fühlenden Wesen uranfänglich rein und vollkommen und mit dem Potenzial ausgestattet sind, dies in förderlicher Weise spontan zum Ausdruck zu bringen.
Das ist allerdings unrichtig, da beispielsweise Maras Welten und deren Wesen aus der usprünglichen Energie entstandene Formen des Avija sind, die transformiert werden müssen und erst dann ihre negativen Eigenschaften verlieren. Die meisten solcher Wesen der unteren Welten haben keine spirituelle Anlagen. Der Vajra-Körper ist anfänglich nur eine zu entwickelnde verborgene Anlage. Daher ist das Dzogchen eigentlich eine Technik für Fortgeschrittene.
Ausserdem ist die hier zugrunde gelegte Urenergie nur relativ vollkommen.(Hinduistisch ausgedrückt : Shiva und Rudra gehören demselben Bereich an, und erst Ishvara und vor allem Sadashiva sind davon befreit.) Samantabhadras Ebene mal einfach so zu erreichen ist ähnlich illusorisch, wie das kashmirische Swacchanda-Tantra per höchster Leere-Kontemplation mal eben den ungleich höheren Paramshiva erreichen will.

Klassen

Die Dzogchen - Lehren bestehen aus Texten, die von Garab Dorjes Hauptschüler Manjushrimitra in drei Klassen aufgeteilt wurden[5] :

In der Dzogchen-Tradition gibt es siebenundzwanzig Wurzel-Samayas von Körper, Rede und Geist und fünfundzwanzig Zweig-Samayas.[9]

Die zwei Prinzipien sind kadak(primordiale Reinheit) und lhundrup(spontane Vollkommenheit; vollkommene Manifestationserscheinung). Die vier Anheftungen der Sicht sind dementsprechend : medpa (nicht ein Ding), chikphu (Einheit, Koherenz), chelwa (Alldurchdringung) und lhundrup (spontane Gegenwart oder vollkommene Manifestation).

Nach Longchenpa[10] ist die höchste Verwirklichung die Erlangung des Lichtes ursprünglicher Buddhaschaft, die spirituelle Ebene des Urbuddha Samantabhadra. Diese befinde sich jenseits des Lichtes des ursprünglichen Gewahrseins als das Licht des ursprünglichen Gewahrseins und Leerheit in Vereinigung. Aus diesem Licht entstehen dann durch dessen Manifestationsenergie die Lichtebenen von Leerheit und ursprünglichem Gewahrsein.

Nach Namkhai Norbu ist es der Weg der Selbstbefreiung, der jeden sein wahres Wesen jenseits der Dualität erkennen läßt. Die wahre Natur des Menschen sei klar, leuchtend und bewußt, ungetrübt von Gedanken und Emotionen“.

Als höchstes Resultat der Verwirklichung der Lehren des Dzogchen gilt der sogenannte Regenbogenkörper[11] als höchster kaya, bei dem nach der Überlieferung ein verstorbener Dzogchen-Meister seinen Körper über einen Zeitraum von einer Woche in Lichterscheinungen als die Essenz der Elemente seines Körpers auflöst.

Nyingthik

Tibets Hauptlinien des Dzogchen sind Vima Nyingthik and Khandro Nyingthik, die beide im Nyingthik Yabshi enthalten sind.

In der Longchen Nyingthik - Tradition wird Rigdzin Jigme Lingpa’s (1730-1798) Revision von Kunkhyen Longchen Rabjam’s (1308-1363) ursprünglicher Übertragung des Maha Ati praktiziert.

Praxis

Zur Verwirklichung ist neben persönlichen Voraussetzungen vorheriger Stufen eine Einführung durch einen verwirklichten Dzogchen-Meister notwendig.

Die Praxis ist ein nichtdualer Ansatz, der die ursprüngliche inhärente schweigende Buddhanatur oder innenwohnende Buddhaschaft erweckt.
Dzogchen war im achten Jahrhundert zuerst eine Meditationspraxis des Gottheiten-Yoga mit deren Visualisation und Mantra-Rezitation. Es entwickelte sich zu einem kontextualisierenden Gottheitenyoga mit Begriffen von Nichtkonzeptualität, Nichtdualität und spontaner Gegenwart des erleuchteten Zustandes.

Die Praxis beinhaltete ursprünglich auch psycho-physische long-dé - Energieübungen wie das sKu-mNyé (kuu mnye gesprochen)[12] von Khyungchen Aro Lingma (1886 – 1923) . sKu-mNyé bedeutet 'Massage des Energiekörpers', des rTsa rLung - Systems der Vajrayana - Tradition. Daneben wurde auch absolut nicht unterscheidende Kontemplation (Tib., ting-nge-'dzin; Skt., samadhi) praktiziert.

Das heutige Dzogchen ist ein System von Kontemplationstechniken und buddhistischen Meditationstechniken sowie Mahayana - lo-jong und 'Bodhichitta' und tantrischen Praktiken wie Chenrezig und Tara.
Drei Hauptpraktiken sind Ru-shen (subtiles Unterscheidungsvermögen), Trekchod ('Durchschneiden' oder 'Durchsehen') und Togal ('Sprung über' oder 'Da Sein').

Literatur

  • Germano, David : "Dzogchen", in Jones, Lindsay, Macmillan Encyclopedia of Religion. Vol.4: Dacian Riders – Esther, MacMillan Reference USA 2005
  • James Low: Aus dem Handgepäck eines tibetischen Yogi – Grundlegende Texte der Dzogchen Tradition. Theseus Verlag, Berlin 1996, ISBN 3-89620-089-5
  • Das grosse Dzogchen-Handbuch, Marcia Binder-Schmidt, Chökyi Nyima Rinpoche, Drubwang Tsoknyi Rinpoche Arbor Verlag, 2005, ISBN 3-936855-01-3
  • Der Ruf des Kuckucks, Rigpä Khujug, Diederichs Gelber Reihe 154 : Spiegel des Bewußtseins, Hugendubel, 1999
  • Manjushrimitra. Primordial Experience, An Introduction to Dzogchen Meditation. Shambhala Publications, Boston & London 2001, ISBN 1-57062-898-X
  • Chögyal Namkhai Norbu : Dzogchen der Weg des Lichts – Die Lehren von Sutra, Tantra und Ati-Yoga, Diederichs, 1998, ISBN 3-424-01462-1 (Windpferd Verlagsges. 2012 , ISBN 9783893856718).
  • Namkhai Norbu, Der Zyklus von Tag und Nacht - Die praktischen Übungen des Atiyoga - Diederichs Gelbe Reihe
  • Chögyal Namkhai Norbu - Andy Lukianowicz(engl. Übersetzer): The Precious Vase - Instructions on the Base of Santi Maha Sangha, 1999[13]
  • Chögyal Namkhai Norbu: Yantra Yoga - The Tibetan Yoga of Movement, Snow Lion, 2008, ISBN 978-1-55939-308-9.
  • Namkhai Norbu: Die Harmonie der Elemente in der Kunst der Atmung. Oddiyana Edition, Landshut/Düsseldorf 1998, ISBN 3-9801635-9-8.
  • Dudjom Lingpa. Buddhahood Without Meditation, A Visionary Account known as Refining Apparent Phenomena. Padma Publishing, Junction City 1994, ISBN 1-881847-07-1
  • Reynolds, John Myrdhin, Self-Liberation through seeing with naked awareness, Snow Lion Publications, Ithaca-New York, 2000, ISBN 1-55939-144-8
  • Wholeness Lost and Wholeness Regained: Forgotten Tales of Individuation , Herbert V. Guenther
  • Rabjam, Longchen: Buddha-Natur, Dzogchen in der Praxis. OPUS Verlag 2012, ISBN: 978-3-939699-04-0
  • Garchen Rinpoche: Die Drei Worte des Garab Dorje Die Essenz der Großen Vollendung Otter Verlag, 2015, ISBN 393352931X
  • Dalai Lama: Dzogchen. Die Herz-Essenz der Großen Vollkommenheit. Theseus Verlag, Berlin 2001, ISBN 3-89620-171-9.
  • The Great Perfection (rDzogs chen) - A Philosophical and Meditative Teaching of Tibetan Buddhism, Samten Gyaltsen Karmay, Brill 2007

Referenzen

Weblinks